
Ursachen und Einteilung von Leistenschmerzen
Nicht jeder Leistenschmerz ist gleich
Während die Diagnostik der Schlüssel zu einer erfolgreichen Therapie ist, stellt sich bei Schmerzen in der Leiste zunächst die Frage, woher sie kommen. Denn nicht jeder Leistenschmerz ist eine Schambeinentzündung, jedoch ist jede Schambeinentzündung ein Leistenschmerz.
Die Unterscheidung ist notwendig, um den weiteren Verlauf und eine möglichst schnelle Rückkehr in den Sport zu ermöglichen.
Doha-Klassifikation der Leistenschmerzen
Eine gute erste Orientierung bietet die Einteilung aus dem 2013 erschienenen Konsens-Statement aus Doha: https://bjsm.bmj.com/content/49/12/768
Definierte klinische Entitäten von Leistenschmerzen:
- adduktorenbezogene Leistenschmerzen
- iliopsoasbezogene Leistenschmerzen
- leistenkanalbezogene (inguinal-bezogene) Leistenschmerzen
- schambeinbezogene (pubische) Leistenschmerzen
- hüftgelenksbezogene Leistenschmerzen
- andere Ursachen von Leistenschmerzen bei Sportlern
Biomechanische Zusammenhänge
Das Becken als Zentrum der Belastung
Im Zentrum steht bei Leistenschmerz also das Becken. Der untere Teil, das Schambein, dient vielen Muskeln als Ansatzpunkt. Die Beugung und Streckung des Körpers im Bereich der Hüfte kontrollieren unter anderem die Adduktoren und die gerade Bauchmuskulatur (Rectus abdominis). Sie wirken insofern als Gegenspieler, als sie beide Zug auf das Schambein in entgegengesetzte Richtungen ausüben und auch die Bewegung zwischen den beiden Schambeinen beeinflussen.

Anatomie und Funktion der Adduktoren
Der Adductor longus setzt vorne am Schambein an und steht über Bindegewebe mit der geraden Bauchmuskulatur und der äußeren Schrägen in Verbindung. Dadurch erklärt sich, warum Leistenschmerzen oft nicht nur den Muskel selbst betreffen, sondern das gesamte Becken in die Problematik einbezogen ist.
Die Adduktoren spielen eine zentrale Rolle bei Sportarten, die schnelle Richtungswechsel, Kicks oder Skating erfordern. Ihre Hauptaufgabe ist es, das Becken zu stabilisieren und Bewegungen zu kontrollieren – vor allem in der exzentrischen Phase, wenn der Muskel unter Spannung verlängert wird. Die Adduktoren kontrollieren den menschlichen Körper in der Frontalebene, also dominant die Bewegung von links nach rechts im Raum. Hier befindet sich bei vielen Menschen eine Schwachstelle, da im Krafttraining klassischerweise wenig Fokus hierauf liegt.
Je höher die Bewegungsgeschwindigkeit, desto stärker die Belastung auf Sehnen und Bindegewebe. Beim Schuss im Fußball oder Sprint wirken enorme Kräfte, die über das Becken in die unteren Extremitäten übertragen werden. Während der Adductor longus besonders bei der Hüftbeugung aktiv ist, unterstützt der Adductor magnus bei der Hüftstreckung. Zusammen arbeiten sie wie eine Schere und übernehmen sowohl stabilisierende als auch antreibende Funktionen.
Kurz gesagt: Die Adduktoren sind entscheidend für Kontrolle, Stabilität und Leistung – gleichzeitig aber auch anfällig für Überlastungen, besonders bei Sportarten mit hohen Kräften rund um das Schambein.
Diagnose bei Adduktorenschmerz
Bei Adduktorenschmerzen ist die genaue Befragung und klinische Untersuchung entscheidend. Akute Verletzungen zeigen sich häufig durch Blutergüsse an der Oberschenkelinnenseite innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden.
In den meisten Fällen betrifft die Verletzung den Ansatz des Adductor longus am Schambein. Typische Tests zur Diagnose sind Druck-, Dehn- und Widerstandstests. Wenn diese Schmerzen auslösen, liegt die Ursache meist direkt in der Adduktorenmuskulatur. Besonders zuverlässig ist der isometrische „Adductor Squeeze Test“ in Kombination mit Druckschmerz am Sehnenansatz. Hierfür einfach in Rückenlage begeben und bei gestrecktem, 45° und 90° gebeugtem Knie eine Rolle o. Ä. zusammendrücken. Ist der Adduktor mitbeteiligt, wird man es hier klar merken.
Wichtig: Nur eine saubere Diagnostik ermöglicht eine gezielte Behandlung. Viele chronische Leistenschmerzen entstehen durch zu frühe Rückkehr ins Training nach einer zunächst unvollständig erkannten Adduktorenverletzung.
Wie entstehen Adduktorenverletzungen?
Eine Adduktorenverletzung entsteht meist bei schnellen, kraftvollen Bewegungen, wenn der Muskel unter Spannung gedehnt wird – also typischerweise beim Richtungswechsel, Kicken oder Skaten.
Bei jungen Athleten ist das Risiko zusätzlich erhöht, da während des Wachstums die Hebel und Kräfte an Hüfte und Becken stark zunehmen. Das kann zu einer Überlastung der Sehne und des Schambeins führen, vor allem, wenn Trainingsvolumen und Intensität zu schnell steigen.
Langwierige Beschwerden entwickeln sich oft schleichend, ohne ein konkretes Ereignis. Häufig steckt eine Überlastung oder unzureichende Erholung dahinter – etwa durch zu schnelle Belastungssteigerung, Technikänderungen oder eine zu kurze Rehabilitation nach einer ersten Verletzung.
Kurz gesagt: Adduktorenschmerzen sind meist keine Zufallserkrankung, sondern ein Ergebnis von Überlastung, unzureichender Regeneration oder unvollständiger Heilung.
Risikofaktoren für Leistenschmerz und Adduktorenschmerz
Es gibt mehrere bekannte Risikofaktoren für Adduktorenschmerzen. Dazu gehören Alter, frühere Verletzungen, Leistenschmerz in der Vorsaison und muskuläre Ungleichgewichte zwischen Adduktoren und Abduktoren.
Besonders in der Vorbereitungsphase oder nach längeren Trainingspausen steigt das Risiko deutlich – vor allem, wenn Trainingsumfänge oder Intensität zu schnell erhöht werden. Männer sind etwas häufiger betroffen, aber auch bei Frauen, insbesondere im Fußball und Eishockey, ist die Verletzungsrate hoch.
Ein Verhältnis von exzentrischer Adduktions- zu Abduktionskraft unter 0,8 gilt als kritischer Wert und wird mit einem erhöhten Risiko für Leistenschmerz in Verbindung gebracht. Zu schwache Adduktoren erhöhen die Belastung anderer Strukturen, zu starke können dagegen Probleme im Bereich des Iliopsoas oder Leistenkanals begünstigen.
Fazit: Nicht allein die Kraft der Adduktoren ist entscheidend, sondern das Gleichgewicht zwischen Belastung, Training und Stabilität im gesamten Becken. Eine gute Trainingssteuerung und individuelle Anpassung sind der Schlüssel zur Vorbeugung.
Ungleichgewichte und Überlastungen
Ein Ungleichgewicht im gesamten Zusammenspiel des Beckens könnte bei High-Impact-Sportarten und deren Bewegungen – wie dem Schuss im Fußball, bei dem ein hohes Maß an Beckenkontrolle gefordert ist – durchaus zu Überlastungen führen.
Einfluss der Hüftbeweglichkeit
Der gleiche Ansatz gilt für gelenkige Limitationen: Ein in der Bewegung eingeschränktes Hüftgelenk sorgt dafür, dass andere Bereiche kompensieren müssen. Um einen Einfluss der Hüfte herauszufinden, ist es nötig, die Hüftbeweglichkeit zu testen – im besten Fall durch einen Physiotherapeuten. Falls das nicht möglich ist, finden sich hier einige Selbsttests.
Training bei Leistenschmerz und Adduktorenschmerz
Analyse des Bewegungsapparats
Grundsätzlich stellt sich für ein gezieltes Training die Frage: Können alle beteiligten Knochen und Gelenke in angemessenem Maße ihre Arbeit machen? Gibt es Strukturen, die für andere kompensieren – und welche sind das? Um hier zu differenzieren ignen sich die erwähnten Hüft und Adduktorentests.
In der Praxis sind Kraftmessungen essenziell. Sportler mit Adduktorenschmerzen zeigen häufig eine bis zu 20 % geringere Adduktorenkraft. Bei schambeinbezogenen Beschwerden ist zusätzlich oft die Bauchmuskulatur geschwächt. Solche Defizite lassen sich zuverlässig mit einem Handdynamometer erfassen.
Ziel: Eine kontrollierte Belastungssteigerung, die die Adduktorenfunktion und Beckenstabilität stärkt, ist entscheidend, um Rückfälle zu vermeiden und langfristig schmerzfrei zu bleiben.
Fokus auf die Hüftbeuger
Wenn die Schmerzen jedoch eher durch die Hüftbeuger bedingt sind, so gilt es, eher die Beugung und Streckung des Rumpfes zu fokussieren, also die Sagittalebene. Auch hier lohnt es sich zu testen. ist eine isometrischw Hüftbeugung schmerzhaft bei 90°? Falls ja ist der Fokus des Trainings ein leicht anderes, die Art und Weise jedoch bleibt immer gleich, an den Schmerz, die aktuelle Funktion angepasstes Training.
Heilungsverlauf und Prävention
Individuelle Heilungsdauer
Eine akute Phase der Schambeinentzündung heilt in der Regel von selbst. Eine Pause von der Aktivität, die den Schmerz auslöst, reicht häufig aus. Wenn der Schmerz in der Leiste allerdings schon länger besteht oder wiederkehrt, stellt sich die Frage nach der Ursache.
Konservative Behandlung statt Operation
In diesem Artikel geht es rein um die konservative Behandlung – also das Training bei Schambeinentzündung und nach der Diagnose. Eine Operation ist in der Regel für Athleten ungünstig und bleibt der letzte Ausweg. Wer hierzu mehr Informationen braucht, findet diese in der Studie von Serner und Kollegen.
Leistenschmerz als Überlastungserscheinung
Ganz klar ist: Leistenschmerz ist in aller Regel eine Überlastungserscheinung. Also gilt der erste Blick dem aktuellen Trainingspensum und dem Regenerationsmanagement – zumindest bei betroffenen Sportlern.

Wie häufig sind Leistenschmerzen im Sport?
Letztendlich bleibt zu sagen: Schmerzen in der Leiste sind immer individuell – und das gilt besonders für die Heilungsdauer und den Return to Sport. Die Übersicht noch einmal, dass frühes intervenieren bei Leistenschmerzen das wichtigste ist. Einen schönen Überblick zur Einordnung bietet Thorborg in seiner Arbeit. Wichtig ist noch die Muskelverletzungen, insbesondere des adduktor longus, der davon besonders betroffen ist, von den „long standing“ also bereits lang vorhandenen Leistenschmerzen zu unterscheiden. Erste bedürfen nicht so lange zur vollständigen Erholung.
Leistenschmerz – was tun, wenn die Beschwerden bleiben?
Die frühzeitige Anpassung der Belastung ist das Wichtigste, wenn erste Leistenschmerzen auftreten, damit es nicht zum langfristigen Problem wird. Ein Training, das die Kontrolle des Beckens in der Frontal- und Sagittalebene abdeckt, scheint erfolgversprechend zu sein. Unabhängig davon, wie lange der Schmerz besteht, die hier erwähnten Tests und Maßnamen können ein erster roter Faden auf dem Weg zur Schmerzfreiheit sein.
Literatur:
Serner, A., van Eijck, C. H., Beumer, B. R., Hölmich, P., Weir, A., & de Vos, R. J. (2015). Study quality on groin injury management remains low: a systematic review on treatment of groin pain in athletes. British Journal of Sports Medicine, 49(12), 813–813.
🔗 Zur Studie
Thorborg, K. (2023). Current clinical concepts: Exercise and load management of adductor strains, adductor ruptures, and long-standing adductor-related groin pain.Journal of Athletic Training, 58(7–8), 589–601.
🔗 Zur Studie
Weir, A., Brukner, P., Delahunt, E., Ekstrand, J., Griffin, D., Khan, K. M., … & Hölmich, P. (2015). Doha agreement meeting on terminology and definitions in groin pain in athletes.British Journal of Sports Medicine, 49(12), 768–774.
🔗 Zur Studie



